Behandlungsfehler: Fehlintubation in die Speiseröhre!

Ist der Patient schon zyanotisch, muss die Fehlintubation sofort beseitigt werden.

Ihre Rechte als Patient

Es ist ein grober Behandlungsfehler, wenn ein Arzt eine Fehlintubation nicht sofort beseitigt und den Patient per Maske beatmet, sondern einen Anästhesisten rufen läßt.

Die Ehefrau des Klägers litt unter ausgeprägten Osteochondrosen C 4/5 bis C 6/7 mit Einengung der Foramina intervertebralia in drei Ebenen sowie einer medialen Bandscheibenprotrusion. Die degenerative Veränderung der Halswirbelsäule führte bei ihr zu Beschwerden im Schulter- und Ellbogenbereich, die durch physiotherapeutische Maßnahmen nicht beseitigt werden konnten. Der die Ehefrau des Klägers behandelnde, als niedergelassener Radiologe praktizierende Beklagte führte daher am 08.11.1993 in seinen im Gebäude des Kreiskrankenhauses gelegenen Praxisräumen eine periradikuläre Therapie durch. Zuvor hatte er die Patientin über mögliche Risiken der Behandlung, nicht jedoch über toxische Nebenwirkungen des neben dem Hormonpräparat Volon A 40 injizierten Lokalanästhetikums Bupivacain aufgeklärt. Dieses Medikament kann vereinzelt derart auf das Zentralnervensystem einwirken, daß es zu einer lebensbedrohlichen Atemdepression kommt.

Vor der streitgegenständlichen Behandlung war durch den Beklagten eine solche Therapie bereits komplikationslos und erfolgreich bei dem Kläger selbst durchgeführt worden.

Das OLG Brandenburg hat dazu entschieden (1 U 69/98):

Im Rahmen der genannten periradikuläre Therapie führte der Beklagte zunächst unter computertomographischer Kontrolle eine Kanüle in den Wurzelbereich C 6/7 ein, was nach der automatischen Zeitangabe des Computertomographen um 17.29 Uhr geschah. Durch diese Kanüle wurden sodann um 17.32 Uhr beginnend 8 ml Bupivacain 0,5 % sowie 1 ml Volon A 40 injiziert. Die Dauer dieser Injektion ist ebenso wie der Zeitablauf der nachfolgenden Behandlung umstritten. Nach Beendigung der Injektion klagte die noch auf dem Untersuchungstisch liegende Patientin zunächst über Übelkeit, woraufhin sie auf eine Transportliege umgebettet wurde. Der Beklagte legte einen venösen Zugang und verabreichte ihr eine Elektrolytinfusion E 153. Nachdem eine verstärkte Atemdepression aufgetreten war, entschloß sich der Beklagte, ohne eigene weitere Maßnahmen zu ergreifen, die Patientin zu der auf demselben Gang wie seine Praxisräume gelegenen Rettungsstelle des Kreiskrankenhauses bringen. Dabei wurde die nach wie vor auf der Transportliege befindliche Patientin nicht beatmet. Der Transport erfolgte im Laufschritt.

Zu diesem Zeitpunkt diensthabender Arzt in der aus mehreren angrenzenden Räumen bestehenden Rettungsstelle war der zweite Beklagte, der bei Eintreffen des Beklagten zu 1. und der Patientin von einer Krankenschwester unverzüglich hinzugerufen wurde. Ihm übergab der Beklagte zu 1. die Ehefrau des Klägers in hochzyanotischem Zustand mit weiten rechts entrundeten Pupillen und ohne Eigenatmung. Die Uhrzeit der Ableitung eines ersten EKG’s wurde von dem Gerät automatisch mit 17.44 Uhr aufgezeichnet. Nachdem der Beklagte zu 1. den Beklagten zu 2. über den vorangegangenen Verlauf seiner Behandlung informiert hatte, rief letzterer telefonisch die diensthabende Anästhesistin, die Beklagte zu 3., auf die Rettungsstation und führte bei der Patientin eine Intubation durch. Als die Beklagte zu 3. nach Verlassen ihres Dienstzimmers in der 3. Etage des Krankenhauses und Zurücklegen des Weges zur Notfallambulanz im Laufschritt dort eintraf, ihre Armbanduhr zeigte zu diesem Zeitpunkt 17.50 Uhr an, stellte sie eine Fehlintubation der Patientin fest. Sie intubierte die Ehefrau des Klägers um und sorgte für eine Beatmung mit 100 % Sauerstoff. Anschließend wurde die Patientin um 18.05 Uhr auf die Intensivstation gebracht, wo sie trotz weiterer intensivmedizinischer Bemühungen am 20.11.1993, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, verstarb.

Die erstinstanzlichen Sachverständigen haben in ihrem schriftlichen Gutachten vom 16.12.1997 und ihrem Ergänzungsgutachten vom 07.07.1998 nachvollziehbar und einleuchtend dargelegt, daß jedenfalls das Verbringen der Patientin zu der Notfallambulanz ohne Sauerstoffzuführung und Beatmung einen Behandlungsfehler darstellte. Insoweit haben sie zwei konkrete Behandlungsalternativen aufgezeigt: Unverzügliche Einleitung eigener Rettungsmaßnahmen (etwa durch Mund-zu-Mund-Beatmung) bei gleichzeitiger Alarmierung des Notfallteams der Klinik und unter Einsatz des vorhandenen eigenen Notfallinstrumentariums zur Reanimation oder – freilich großes praktisches Können und notfallmedizinische Erfahrung voraussetzend – Transport in die Rettungsstelle unter Maskenbeatmung mit Sauerstoff nach vorausgegangener Intubation. Selbst wenn man den Beklagten zu 1. als Radiologen mit der letztgenannten Alternative für überfordert hielte (wogegen freilich spricht, daß er sich zum wiederholten Male dieser Therapie bediente, obwohl sie zu Komplikationen bis hin zum Atemstillstand führen kann), so verblieb jedenfalls die erstgenannte Alternative. Die unverzügliche Einleitung einer Mund-zu-Mund-Beatmung bei zeitgleicher Alarmierung des Notfallteams muß auch einem Arzt in der Lage des Beklagten zu 1. abverlangt werden. Daß die Patientin ohne Beatmung möglicherweise etwas schneller auf die Rettungsstation verbracht werden konnte, ändert nichts daran, daß bei Beatmung noch in der Praxis die Zeit der Sauerstoffunterversorgung verkürzt worden wäre. Die Ehefrau des Klägers wäre dann auch für die Zeit bis zum Eintreffen des Notfallteams bereits beatmet worden. Im übrigen wären die Mitarbeiter des Rettungsdienstes im Zweifel schneller gewesen als es der Beklagte zu 1. beim Transport einer Patientin in kritischem Zustand sein konnte.

Die Haftung des Beklagten zu 1. für den somit anzunehmenden schuldhaften Behandlungsfehler entfällt auch nicht wegen Unterbrechung des Kausalverlaufes. Eine Unterbrechung des Kausalverlaufs würde voraussetzen, daß sich die fehlerhafte Behandlung im weiteren Verlauf nicht mehr ausgewirkt hat. Dementsprechend müßte der Tod der Ehefrau des Klägers ausschließlich auf dem ärztlichen Eingreifen der nachbehandelnden Krankenhausärzte beruhen. Das fehlerhafte Vorgehen des Beklagten zu 1. müßte hierdurch neutralisiert worden sein und als Ursache für den Tod der Ehefrau des Klägers jede Bedeutung verloren haben (vgl. BGH NJW 1986, 2367). Nach den von der Rechtsprechung aufgestellten Grundsätzen wird der Kausalzusammenhang unterbrochen, wenn der Schaden durch ein völlig ungewöhnliches und unsachgemäßes Verhalten einer anderen Person ausgelöst wird, welches mit dem Verhalten des Erstschädigers nicht in zurechenbarem Zusammenhang steht. Es muß ein neuer Geschehensablauf in Gang gekommen sein, in dem sich nicht mehr das Schadensrisiko des Ersteingriffes verwirklicht, welches vielmehr schon gänzlich abgeklungen war, so daß zwischen beiden Ereignissen bei wertender Betrachtung nur ein äußerlicher, gleichsam zufälliger Zusammenhang besteht (so BGH NJW 1989, 767).

Lesen Sie hier über Ihre Rechte bei einem groben Behandlungsfehler.

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