Fachanwalt für Medizinrecht: Aufklärungspflichtverletzung des Arztes

Einwand der hypothetischen Einwilligung. Anforderungen an Vortrag.

Ihre Rechte als Patient

Hat der Arzt über eine Behandlungsalternative nicht ausreichend aufgeklärt, muss der Patient zur Entkräftung des vom Arzt schlüssig vorgetragenen Einwands der hypothetischen Einwilligung vortragen:

Das Urteil vom 26. November 2015 des LG Dortmund – 4 O 126/14 –, ist lesenswert, weil klar wird, was der Patient vortragen und aussagen muss, damit er den Prozess gewinnt, statt in eine Falle gelockt zu werden:

Das Argument der Einholung einer Zweitmeinung hätte hier ein besseres Ergebnis gebracht.

Orientierungssatz
Hat der Arzt über eine Behandlungsalternative nicht ausreichend aufgeklärt, muss der Patient zur Entkräftung des vom Arzt schlüssig vorgetragenen Einwands der hypothetischen Einwilligung nachvollziehbar geltend machen, dass er sich bei ordnungsgemäßer Aufklärung in einem echten Entscheidungskonflikt befunden hätte. Dafür ist es grundsätzlich ausreichend, wenn er einsichtig machen kann, dass ihn eine Gegenüberstellung der Chancen und Risiken des ärztlichen Eingriffs ernsthaft vor die Frage gestellt hätte, ob er zustimmen soll oder nicht. Die Darlegung des Entscheidungskonflikts muss plausibel, also nachvollziehbar sein; darauf, wie sich der Patient entschieden haben würde, kommt es nicht an.(Rn.56)

Tenor
Die Klage wird abgewiesen.

Die Kosten des Rechtsstreits hat die Klägerin zu tragen.

Das Urteil ist gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des jeweils zu vollstreckenden Betrages vorläufig vollstreckbar.

Tatbestand
Randnummer1
Die im Jahr 1932 geborene Klägerin nimmt die Beklagte anlässlich einer ärztlichen Behandlung am 18.07.2009 und am 02.12.2009 auf Zahlung von Schmerzensgeld, Schadenersatz sowie Feststellung der weiteren Ersatzpflicht in Anspruch.

Randnummer2
Am 17.07.2009 wurde die Klägerin nach einem Sturz im Griechenlandurlaub in der Notaufnahme im Haus der Beklagten vorstellig.

Randnummer3
Im Rahmen der Aufnahmeuntersuchung wurde eine Röntgenaufnahme der linken Hüfte angefertigt. Diese Bildgebung zeigte laut einem Bericht vom 21.07.2009 eine per- bis subtrochantäre mehrfragmentäre Fraktur mit Absprengung des Trochantor minor und Aussprengung eines Biegungskeils am lateralen proximalen Femurschaft.

Randnummer4
Es wurde im Anschluss ein Termin zur operativen Versorgung mittels eines Gamma-Nagels am 18.07.2009 vereinbart.

Randnummer5
In diesem Zusammenhang wurde noch am selben Tag ein Aufklärungsgespräch durchgeführt. Hierzu findet sich in den Krankenunterlagen ein auf den 17.07.2009 datierter Aufklärungsbogen.

Randnummer6
Am 18.07.2009 wurde die Klägerin unter der Diagnose „instabile pertrochantäre Femurfraktur nach distal des Trochantor minor“ im Haus der Beklagten mit einem Gamma-Nagel operativ versorgt.

Randnummer7
Am 19.07.2009 wurde ein Kontrollröntgen durchgeführt. Dieses zeigte einen korrekten Stand des Gamma-Nagels und eine Nichterfassung des keilförmigen Schaftfragments sowie des abgesprengten Trochantor minor.

Randnummer8
Unter dem 28.07.2009 zeigte sich anhand einer Bildgebung ein regelrechter Sitz des Implantats. Die Fragmente zeigten sich danach aber deutlich auseinandergedrängt und die Frakturspalten klaffen erheblich.

Randnummer9
Unter dem 29.07.2009 wurde die Klägerin zur weiteren Behandlung in das F-Krankenhaus in E1 verlegt.

Randnummer10
Mit zunehmenden Beschwerden im Bereich des linken proximalen Oberschenkels stellte sich die Klägerin unter dem 01.12.2009 erneut in der Ambulanz der Beklagten vor. Im Rahmen einer durchgeführten Röntgenkontrolle zeigte sich ein Implantatversagen mit Bruch des Gamma-Nagels in Höhe der Nageldurchtrittsöffnung für die Gelenkkomponente.

Randnummer11
In den Krankenunterlagen findet sich datiert auf den 01.12.2009 ein Aufklärungsbogen in den handschriftliche Eintragungen sowie eine Zeichnung erfolgt sind.

Randnummer12
Am 02.12.2009 erfolgte gegen 9.00 Uhr eine Chefarztvisite durch den Zeugen T.

Randnummer13
Im Anschluss wurde unter der Diagnose „Implantatversagen bei subtrochantärer Femurfraktur links“ eine Nagelentfernung mit Re-Osteosynthese mit langem Titan-Gamma-3-Nagel durchgeführt.

Randnummer14
Der postoperative Verlauf gestaltete sich komplikationslos. Die durchgeführten Röntgenkontrollen zeigten eine regelrechte Lage des Implantats. Die Klägerin war am Rollator auf Stationsebene mobil.

Randnummer15
Unter dem 11.12.2009 wurde die Klägerin im Anschluss aus der stationären Behandlung entlassen.

Randnummer16
Im Zeitraum vom 15.04.2010 bis zum 19.04.2010 befand sich die Klägerin in stationärer Behandlung im L5-Krankenhaus. Hierbei wurde ein Bruch der distalen Verriegelungsschraube festgestellt. Zudem zeigte sich laut einem Arztbrief vom 19.05.2010 eine noch nicht ausreichende Frakturkonsolidierung. Es wurde bei Beschwerdearmut eine konservative Therapie mit krankengymnastischer Mobilisation unter Teilentlastung der entsprechenden Extremität begonnen. In Erwägung gezogen wurde bei fehlender Frakturkonsolidierung nach insgesamt 6 Monaten die Durchführung einer Reosteosynthese mit Spongiosaplastik.

Randnummer17
Unter dem 13.07.2010 wurde die Klägerin bei weiterhin bestehenden Beschwerden im LVR-Klinikverband vorstellig.

Randnummer18
Am 14.07.2010 fand eine Wechsel-OP mit Entfernung des Nagels und Implantation einer zementfreien, modularen Hüft-TEP statt.

Randnummer19
Unter dem 26.07.2010 wurde die Klägerin aus der stationären Behandlung entlassen.

Randnummer20
Im Anschluss befand sich die Klägerin in einer stationären Rehabilitation in der O-Klinik L4. Die Gehstrecke, das Gangbild, die Beweglichkeit und Muskelkraft konnten im Rahmen der Behandlung verbessert werden.

Randnummer21
Dem hiesigen Rechtsstreit ging ein Verfahren vor dem Landgericht E1 (Az. 2 O ##/##) voran, innerhalb welchem gegen den Hersteller der Gamma-Nägel geklagt wurde. Dies vor dem Hintergrund, dass ein Produktionsfehler gerügt wurde. Zur Abklärung wurde seinerzeit ein Gutachten des Herrn Dr. C2 eingeholt. Dieser stellte fest, dass kein Materialfehler vorlag. Vielmehr wurde vom Sachverständigen die Revisionsoperation mittels eines Gamma-Nagels mit der Begründung angezweifelt, dass die Versorgung mittels einer Hüftendoprothese zu bevorzugen gewesen wäre. Im Anschluss an das Gutachten wurde der hiesigen Beklagten der Streit verkündet. Die Klage wurde letztlich abgewiesen.

Randnummer22
Die Klägerin behauptet, sie sei im Haus der Beklagten fehlerhaft behandelt worden. So sei die Operation vom 18.07.2009 im Hinblick auf die Implantatwahl fehlerhaft gewesen. Die Verwendung eines Gamma-Nagels sei vorliegend im Hinblick auf eine zu erwartende fehlende knöcherne Konsolidierung nicht indiziert gewesen. Sie sei aufgrund ihrer Osteoporose einmal wöchentlich mit 70 mg Fosamax behandelt worden. Vielmehr wäre eine definitive Versorgung durch eine Langschaft-Prothese angezeigt gewesen. Eine solche Versorgung wäre geeignet gewesen, dauerhaft die im Bereich des biomechanischen Übergangs vom Becken über das Hüftgelenk zum Oberschenkel auftretenden Kräfte zu übernehmen.

Randnummer23
Auch sei die Operation am 02.12.2009 im Hinblick auf die Verwendung eines längeren Gamma-Nagels nicht indiziert gewesen. Nach dem Versagen des ersten Nagels sei nicht zu erwarten gewesen, dass es bei Verwendung eines längeren Nagels zu einer knöchernen Konsolidierung kommen würde. Insoweit sei zu vielmehr erwarten gewesen, dass das Implantat infolge einer verzögerten oder mangelnden knöchernen Konsolidierung keinen Bestand haben würde.

Randnummer24
Zudem sei sie unzureichend aufgeklärt worden. So sei sie weder vor dem ersten, noch vor dem zweiten Eingriff über Behandlungsalternativen aufgeklärt worden. Ihr sei nicht mitgeteilt worden, dass alternativ der Einsatz einer Langschaft-Prothese in Form einer Hüft-TEP möglich gewesen wäre.

Randnummer25
Aufgrund der Fehlbehandlung im Haus der Beklagten habe sie erhebliche Schmerzen erlitten. Zudem habe sie sich zweier Revisionsoperationen unterziehen müssen. Dabei sei es zu Knochensubstanzverlust gekommen. Letztlich habe sie eine Rehabilitation durchlaufen müssen.

Randnummer26
Die Klägerin erachtet ein Schmerzensgeld in Höhe von 25.000,00 EUR als angemessen.

Randnummer27
Sie beantragt,

Randnummer28
1. die Beklagte zu verurteilen, an sie ein angemessenes Schmerzensgeld zu zahlen, welches in das Ermessen des Gerichts gestellt wird, mindestens jedoch 25.000,00 EUR nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit Rechtshängigkeit ;

Randnummer29
2. die Beklagte zu verurteilen, an sie 1.618,90 EUR nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit Rechtshängigkeit zu bezahlen;

Randnummer30
3. festzustellen, dass die Beklagte verpflichtet ist, ihr sämtliche weiteren zukünftigen und materiellen und nicht vorhersehbaren immateriellen Schäden zu ersetzen, welche dieser aufgrund des Behandlungs- und Aufklärungsfehlers entstanden sind und noch entstehen werden, soweit die Ansprüche nicht auf Sozialversicherungsträger oder sonstige Dritte übergegangen sind oder übergehen werden.

Randnummer31
Die Beklagte beantragt,

Randnummer32
die Klage abzuweisen.

Randnummer33
Sie behauptet, die Behandlung der Klägerin sei lege artis erfolgt.

Randnummer34
Insbesondere sei die Versorgung des Bruches mit einem Gamma-Nagel regelrecht und standardgemäß gewesen. Das intramedulläre Stabilisationsverfahren, sprich die Verriegelungsnagelung, sei dabei das Mittel der Wahl gewesen. Bei der Fraktur der Klägerin habe es sich um eine subtrochantäre Femurfraktur gehandelt. Die standardmäßige Versorgung einer solchen Fraktur erfolge regelmäßig mit einer intramedullären Osteosynthese, also mit einem Rekonstruktionsnagel mit Gelenkkomponente. Der Vorteil einer solchen intramedullären Versorgung liege in der unmittelbaren Belastungsstabilität.

Randnummer35
Auch sei die Verwendung eines Gamma-Nagels im Hinblick auf die Revisionsoperation, in Form einer distalen dynamischen Verriegelung, am 02.12.2009 indiziert gewesen. Dies vor dem Hintergrund, dass bereits vor dem 02.12.2009 eine teilweise Konsolidierung der Fraktur erkennbar stattgefunden hätte. Durch die Reoperation sei die Frakturzone debridiert und durch Aufbohren angefrischt worden. Es sei somit ein Knochenbruchheilungsreiz ausgelöst worden. Die im Anschluss angefertigten Röntgenaufnahmen würden einen unauffälligen Befund darstellen. So würde auch auf dem Röntgenbild vom 08.02.2010 ein regelrecht liegender Nagel und die regelrechte Positionierung der Fragmente bis auf den dislozierten Trochantor minor zu erkennen sein.

Randnummer36
Zudem sei die Klägerin ordnungsgemäß aufgeklärt worden. Eine Aufklärung über die Möglichkeit des Einsatzes einer Langschaft-Prothese in Form einer Hüft-TEP sei nicht erforderlich gewesen. Es habe sich dabei nicht um eine echte Behandlungsalternative gehandelt. Die Implantation einer Hüftendoprothese wäre mit erheblichen und höheren Risiken hinsichtlich Infektion und Tiefe des Eingriffs verbunden gewesen.

Randnummer37
Gleichwohl sei die Klägerin durch den Zeugen T auch über die Möglichkeit eines endoprothetischen Ersatzes aufgeklärt worden. So sei mit der Klägerin auch über die Möglichkeit eines Gelenkersatzes gesprochen worden. Er habe in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass ein primärer oder sekundärer Eingriff mittels Prothesenversorgung ein größerer Eingriff sei und durch die intrameduläre Versorgung eine unmittelbare Belastungsstabilität erreicht würde. Auch habe er darauf hingewiesen, dass eine endoprothetische Versorgung später leichter möglich sei, als unmittelbar nach der initialen Fraktur im Rahmen der Primärversorgung.

Randnummer38
Vorsorglich erhebt die Beklagte den Einwand der hypothetischen Einwilligung.

Randnummer39
Bezüglich der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die wechselseitigen Schriftsätze nebst Anlagen Bezug genommen.

Randnummer40
Die Kammer hat die Klägerin persönlich angehört. Es wurde zudem Beweis erhoben durch Vernehmung des Zeugen T sowie durch Einholung eines Sachverständigengutachtens des Prof. Dr. L3, das der Sachverständige in der mündlichen Verhandlung vom 26.11.2015 näher erläutert hat. Bezüglich der weiteren Einzelheiten wird Bezug genommen auf das schriftliche Gutachten vom 20.01.2015 (Bl. 88 ff. d. A.) sowie das Protokoll der mündlichen Verhandlung vom 26.11.2015 (Bl. 140 ff. d. A.).

Entscheidungsgründe
Randnummer41
Die zulässige Klage ist unbegründet.

Randnummer42
Die Klägerin hat gegen die Beklagte keinen Anspruch auf Zahlung von Schmerzensgeld oder Schadenersatz sowie auf Feststellung der weiteren Ersatzpflicht, und zwar weder aufgrund des abgeschlossenen Heilbehandlungsvertrages nach den §§ 280, 611, 249 ff. BGB noch aufgrund einer unerlaubten Handlung nach den §§ 823, 831, 249 ff. BGB. Denn der Klägerin ist es nicht gelungen, zu beweisen, dass die Behandlung im Haus der Beklagten fehlerhaft erfolgt ist. Auch die von der Klägerin geltend gemachte Rüge der fehlerhaften Aufklärung verfängt nicht. Die Kammer geht zum einen von einer ordnungsgemäßen Aufklärung aus, zum anderen ist die Kammer nach der persönlichen Anhörung der Klägerin davon überzeugt, dass sie der streitgegenständlichen Operation auch nach umfassender und detailreicher Aufklärung zugestimmt hätte.

Randnummer43
Die Kammer folgt bei ihrer Einschätzung hinsichtlich der Frage, ob die Behandlung im Haus der Beklagten fehlerhaft war, den überzeugenden und nachvollziehbaren Feststellungen des Sachverständigen Prof. Dr. L3, der als Facharzt für Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie über umfassende theoretische Kenntnisse wie auch praktische Erfahrungen verfügt. Die Ausführungen des Sachverständigen beruhen auf einer gründlichen Aufarbeitung der Behandlungsunterlagen. Er hat sämtliche für die Entscheidung des Rechtsstreits maßgeblichen Fragen in seinem Gutachten und im Rahmen seiner Anhörung klar und eindeutig beantwortet.

Randnummer44
Zunächst geht die Kammer mit dem Sachverständigen davon aus, dass die Operation vom 18.07.2009 indiziert war und nicht fehlerhaft durchgeführt wurde. Bei der Klägerin lag insoweit eine schwere Verletzung in Form einer subtrochantären Femurfraktur vor.

Randnummer45
Hierbei ist auch unerheblich, dass die Fraktur innerhalb des OP-Berichts vom 18.07.2009 fehlerhaft als pertrochantäre Fraktur klassifiziert wurde. Der Sachverständige hat anhand der Bilder erläutert, dass in Wirklichkeit eine subtrochantäre Fraktur vorlag.

Randnummer46
Die bei der Klägerin vorgelegene Art der Fraktur stellt – so der Sachverständige – die klassische Indikation für einen intramedullären Kraftträger, beispielsweise einen Gamma-Nagel, dar. Dies vor dem Hintergrund, dass das Hüftgelenk bei dieser Art der Fraktur weder frakturiert, noch in der Durchblutung gefährdet ist und damit erhalten bleiben kann. Durch die Nagelung wird auf die unterhalb des Schenkelhalses gelegene Fraktur Druck ausgeübt, um eine Konsolidierung und damit Stabilisierung herbeizuführen. Eine primäre Implantation einer Hüftgelenksendoprothese dagegen wird in solchen Fällen allenfalls bei Vorliegen einer ausgeprägten Coxarthrose und einer damit verbundenen Instabilität empfohlen. Die Instabilität ergibt sich dabei aus der schlechten Bewegungsfähigkeit des Hüftkopfs in der Hüftpfanne.

Randnummer47
Das Vorliegen einer ausgeprägten Coxarthrose konnte vom Sachverständigen anhand der Bildgebung nicht festgestellt werden. Vielmehr war diese altersentsprechend. Schließlich handelt es sich bei der Implantation einer Hüftprothese um einen größeren Eingriff mit einem entsprechenden erhöhten Risiko.

Randnummer48
Dass im Rahmen dieses Eingriffs das bei der Klägerin dislozierte Trochantor minor Fragment nicht refixiert werden konnte, erscheint der Kammer unerheblich. Hierbei geht die Kammer nach den Erläuterungen des Sachverständigen davon aus, dass der Trochantor minor entweder im Rahmen des Heilungsprozesses anwächst, zumindest pseudoarthrotisch oder aber tatsächlich nicht einheilt. Doch selbst eine unterbliebene Einheilung führt dabei insbesondere bei Damen im hohen Alter wie im Falle der Klägerin zu keinen nennenswerten Einschränkungen. Allemal sportlich aktive Personen würden insofern Einschränkungen bemerken. Insoweit ist für eine ausreichende Stabilität die Heilung der subtrochantären Fraktur, des oberen Bereiches des Trochantor major sowie des Adamschen Bogens entscheidend.

Randnummer49
Auch ist der Gutachter Herr Dr. C2 in diesem Zusammenhang nicht von einer fehlerhaften Vorgehensweise ausgegangen. Daraus resultierend stellt sich die Frage nach einer Aufklärung mangels Behandlungsalternative in diesem Zusammenhang nicht.

Randnummer50
Auch im Hinblick auf die Operation vom 02.12.2009 kann die Kammer mit dem Sachverständigen keinen Behandlungsfehler feststellen, es handelt sich insoweit um eine fachgerechte Vorgehensweise. Die Operation am 02.12.2009 war nach den Ausführungen des Sachverständigen in seinem schriftlichen Gutachten sowie im Rahmen der mündlichen Verhandlung indiziert. Infolge einer fehlenden knöchernen Konsolidierung der Fraktur kam es zu einem Implantatbruch im Sinne eines Ermüdungsbruchs des Implantats, so dass dieses operativ entfernt werden musste. Die Instabilität des Knochens war noch so groß, dass der Gammanagel letztlich nicht halten konnte. Dass im Anschluss erneut ein Gamma-Nagel mit distaler Verriegelung implantiert wurde, erscheint dem Sachverständigen sachgerecht. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich die Fraktursituation in vergleichbarer Weise zu der ersten Operation dargestellt hat und damit die Nagelung die klassische Indikation war. Soweit der Zeuge T in diesem Zusammenhang in Anbetracht der Bildgebung eine gewisse Knochenheilung zu erkennen vermag, geht die Kammer mit dem Sachverständigen davon aus, dass es sich bei den Veränderungen um einen Unruhekallus handelt. Eine fortgeschrittene Stabilität konnte von ihm nicht festgestellt werden.

Randnummer51
Es ist insoweit auch im Hinblick auf den Eingriff vom 02.12.2009 bei der Prothesenimplantation nicht von einer echten Behandlungsalternative auszugehen. Trotz des höheren Risikos einer Nachoperation bei der Nagelung bietet die Versorgung mit einem Gamma-Nagel bei geringeren Risiken aufgrund der besseren Fragmentreposition und der letztlich stabileren Osteosynthese Aussicht auf Heilung. Im Idealfall wäre eine Heilungszeit von sechs bis acht Wochen notwendig gewesen. Die Implantation einer Hüftprothese dagegen ist insbesondere im Hinblick auf die Risiken keinesfalls vergleichbar. Eine Hüftimplantation ist generell mit höheren Risiken verbunden. So muss ein viel größerer operativer Zugang gewählt werden. Damit ist das Risiko einer Blutung sowie einer Infektion höher. Zudem kann der Schaft ausbrechen. Auch kann es zu Pfannenproblemen kommen. Es kann zudem zu einer Luxation der Hüfte und damit zu einer Instabilität kommen. Zudem ist die Einjahresmortalität bei einer Prothesenimplantation höher.

Randnummer52
Vorliegend wären die Risiken im Fall der Klägerin noch einmal anders zu bewerten gewesen. Es hätte eine Tumorprothese eingesetzt werden müssen, bei der dann auch die Muskelansätze des Trochantor majors und minors hätten neu refixiert werden müssen. Dies vor dem Hintergrund, dass bei der Klägerin infolge der Bruchsituation der Knochen unterhalb des Frakturbereichs hätte abgesägt werden müssen, während im Rahmen einer gewöhnlichen Hüftprothesenimplantation nur der Schenkelhals abgesägt wird. Eine solche Operation ist mit einem erheblichen Aufwand sowie einem hohen Risiko verbunden. Sie hat zudem die Folge, dass die Patienten das Bein für einen langen Zeitraum nicht belasten dürfen.

Randnummer53
Mangels einer echten Behandlungsalternative liegt es im Ermessen des Operateurs zu entscheiden, ob er dem Patienten überhaupt eine Prothesenversorgung vorschlägt. Soweit der Sachverständige hier im Rahmen seines Gutachtens dennoch von einem aufklärungsbedürftigen Umstand ausgeht, unterliegt er einem rechtlichen Irrtum. Denn Aufklärungen haben nur in Bezug auf mehrere medizinisch gleichermaßen indizierte und übliche Methoden mit wesentlich unterschiedlichen Belastungen, Risiken und Heilungschancen zu erfolgen. Hier lagen keine gleichermaßen indizierten Methoden vor.

Randnummer54
Selbst wenn der Kammer insoweit hier nicht gefolgt werden sollte, vermag die Klage keinen Erfolg zu haben.

Randnummer55
Wenn man die Prothesenversorgung als Behandlungsalternative ansieht, geht die Kammer zwar davon aus, dass die Klägerin über diese Alternative nicht ausreichend und vor allem nicht rechtzeitig aufgeklärt wurde. Dies ergibt sich aus den Krankenunterlagen sowie den Angaben des Zeugen T. Der Zeuge T hat im Rahmen seiner Vernehmung angegeben, dass er die Klägerin am Morgen des 02.12.2009 im Rahmen seiner Chefarztvisite über die bestehende Möglichkeit eines nachträglichen Protheseneinsatzes aufgeklärt hat.

Randnummer56
Gleichwohl geht die Kammer davon aus, dass die Klägerin der Operation auch bei Vornahme der gebotenen Aufklärung zugestimmt hätte. Die Voraussetzungen einer solchen hypothetischen Einwilligung wurden von der Beklagten schlüssig behauptet. Der Klägerin ist es auch nicht gelungen, den von der Beklagten erhobenen Einwand der hypothetischen Einwilligung zu entkräften. Hierzu hätte sie im Rahmen ihrer persönlichen Anhörung für die Kammer nachvollziehbar geltend machen müssen, dass sie sich bei ordnungsgemäßer Aufklärung in einem echten Entscheidungskonflikt befunden hätte. Dafür wäre es grundsätzlich ausreichend gewesen, wenn sie hätte einsichtig machen können, dass ihr eine Gegenüberstellung der Chancen und Risiken des ärztlichen Eingriffs ernsthaft vor die Frage gestellt hätte, ob sie zustimmen soll oder nicht. Die Darlegung des Entscheidungskonflikts muss plausibel, als nachvollziehbar sein; darauf, wie sich der Patient entschieden haben würde, kommt es nicht an (vgl. Geiß/Greiner, Arzthaftpflichtrecht, 6. Aufl., C IV Rdnr. 138).

Randnummer57
Ein derartiger Entscheidungskonflikt konnte zur Überzeugung der Kammer nicht festgestellt werden. Den Angaben des Zeugen T ist insoweit Glauben zu schenken, als dass er der Klägerin in Anbetracht des geringeren Eingriffsumfangs die Nagelung empfohlen, aber gleichzeitig auf eine im Anschluss unter besseren Bedingungen mögliche Prothesenimplantation hingewiesen hat. Dies entspricht auch der vom Sachverständigen bevorzugten Vorgehensweise. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Klägerin den Empfehlungen des Zeugen T, als behandelndem Arzt, auch bei rechtzeitiger Aufklärung gefolgt wäre und zunächst den kleineren Eingriff hätte vornehmen lassen. Soweit die Klägerin im Rahmen ihrer informatorischen Anhörung der Kammer erklärt hat, dass sie sich bei ordnungsgemäßer Aufklärung für eine Prothesenimplantation entschieden hätte, wenn man ihr erklärt hätte, dass sie dann beschwerdefrei sei, legt sie zugrunde, dass man ihr eine Beschwerdefreiheit zugesagt hätte. Sie verkennt hierbei allerdings, dass ihr aus einer ex ante Betrachtung heraus kein Arzt eine Beschwerdefreiheit hätte gewährleisten können. Insoweit sind der Kammer aus zahlreichen Prothesenoperationen auftretende Komplikationen mit nicht unerheblichen Folgen bekannt. So kann es zu einer Lockerung der Prothese oder aber auch zu einer Luxation des Beins kommen. Auch infolge des hohen Alters der Klägerin waren bei einem so großen Eingriff größere Risiken vorhanden. Bereits bei der Nagelung war es zu Blutanämien gekommen. Es hätte zudem eine Tumorprothese eingebracht werden müssen und nicht wie später eine Langschaftprothese. Es ist davon auszugehen, dass die Klägerin bei ihrer Anhörung die Tragweite der Operation nicht erfasst hat und deshalb angibt, dass diese ihrem mutmaßlichen Willen entsprochen hätte.

Randnummer58
Die Indikation der dritten Operation schließlich ist nach den Ausführungen des Sachverständigen nachvollziehbar. Er geht hierbei davon aus, dass der letztlich eingetretene Bruch des distalen Verriegelungsbolzens für sich genommen noch keine Indikation für die erfolgte Implantation einer modularen Langschaftprothese dargestellt hätte. Denn eine Dynamisierung und damit eine Frakturkompression sind aufgrund der zunehmenden Belastung sowie dem Prinzip der intramedullären Nagelung durchaus erwünscht.

Randnummer59
Die Indikation zum Einsatz einer Langschaftprothese ergibt sich vielmehr aus einer Kombination der im weiteren Verlauf bestehenden Beschwerden der Klägerin, dem gebrochenen distalen Verriegelungsbolzen und der Coxarthrose, wobei der Sachverständige die Beschwerden bei der Klägerin u.a. auch auf ihre Begleiterkrankungen, das Restless-Legs-Syndrom, die allgemeine Osteoporose und die Beschwerden an der Wirbelsäule zurückführt. Es konnte nunmehr schließlich auch eine Langschaftprothese anstelle einer Tumorprothese eingesetzt werden, da zu diesem Zeitpunkt eine knöcherne Durchbauung bereits stattgefunden hatte.

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